Nadja Kollbrunner
Concours d’écriture 2020 – allemand

O2

Die Wolkendecke so dunkel, dass sich die weiten, von einem braunen Staubteppich bedeckten Ebenen hell davor abzeichnen. Die Stadt, die mit ihren aus dem Boden spriessenden Hochhäusern von weitem einem gros-sen Bund vertrockneter Blumen gleicht, wird von einer Strassenschleife zusammengehalten, von welcher sich die Zufahrtsstrassen geradlinig ausstrecken, wie Knospen im Versuch, an den lichtspendenden Horizont zu gelangen. Von ganz nah jedoch ist die Stadt ein beunruhigendes Gebilde, welches innerhalb des Strassenrings ungeordnet zu wachsen scheint, wie ein bösartiges Geschwür, das sich Zelle um Zelle vermehrt und das, so-bald es den limitierenden Bereich berührt, zischend an Gewebe einbüßt. 

Sobald wir den inneren Kreis betreten, müssen wir uns einreihen und aufpassen, dass wir die richtige Spur erwischen. Wir werden zur Seite gedrängt und abgestossen, doch wir behaupten uns, werden Teil des Systems, lassen uns von den anderen mittragen. Nur so gelingt es uns vorerst, das Ziel zu erreichen. Unter der Him-melskuppel sehen wir die besagten Gebäude. Auch sie sind untereinander verbunden, mit Tunnels, welche sich, ähnlich den Tentakeln eines grossen Organismus, teils unterhalb, teils oberhalb der Erdoberfläche, da-hinschlängeln. 

Den gierigen Blicken anderer, schon allzu lange auf ihre Seele verzichtender Lebewesen ausgesetzt, die wie ausgemergelte Geier auf das Auslöschen des letzten Fünkchen Lebens zu warten scheinen, betreten wir den Komplex, indem wir uns einem bedrohlich aussehenden Schlund ausliefern, der uns sogleich lautlos ver-schluckt. So gelangen wir schliesslich zu dem Raum, welcher unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht. 

In Reih und Glied angesiedelt, stellen sie sich uns hinter der Scheibe zur Schau: Grüne Pflanzen, Sukkulenten, Kaktusse... Ich atme auf, wir schauen uns an, wir sind erleichtert. Es gibt sie noch. In der Glasscheibe sehe ich unsere gespiegelten Gesichter, die sich von der klinischen Umgebung abheben. Uns gibt es noch. Doch bald würden wir sie wieder benötigen, die lebenswichtige künstliche Nahrung, versetzt mit den üblichen In-haltsstoffen des Medikaments, welches uns erlaubt, ausserhalb der Himmelskuppel ohne Atemschutzmaske frei zu atmen. Beim Anblick dieser grünen Pracht jedoch stelle mir vor, wie der Sauerstoff wohl schmecken würde, wenn er ganz frisch in meine Lungen gelänge; und weil wir so gierig darauf sind, dies erleben zu können, schlagen wir die Scheibe ein und schnappen uns je zwei grüne Geschöpfe.